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Die Fundamente der Zivilisation

Bruce Fein
Verfassungs- und Bürgerrechtler, Unterstaatssekretär im US-Justizministerium unter Präsident Ronald Reagan (1981-82)

Im Wortlaut

Danke, daß Sie alle heute gekommen sind. Ich möchte Sie zunächst darauf aufmerksam machen, warum es einige Bedenken an meiner Glaubwürdigkeit geben könnte. Erstens sollten Sie wissen, daß ich keinen Fernseher habe, ich bin nicht auf Facebook oder Twitter unterwegs, ich lese nur gebundene Bücher, also nichts von Kindle, sondern Bücher wie Plutarchs Leben im richtigen festen Einband. Ich habe nie TV-Serien wie „American Idol“ gesehen und es interessiert mich nicht, wer den Super Bowl gewinnt. Ich befasse mich mit meinem eigenen moralischen Barometer in der Welt. Das sollten Sie einfach zu meinem Hintergrund wissen.

Die zweite Beobachtung, die ich anstellen will, ist, daß sich die Menschen heute nicht zum ersten Mal Sorgen um die Gefahren aus dem Weltall machen und um das, was daraus erwachsen könnte. Man erzählt sich eine Geschichte über Papst Kalixt III.; man mag sie anzweifeln, aber als die Christen gegen die osmanischen Türken in Serbien und anderswo kämpften, hat er den Halleyschen Kometen als Werk des Teufels verflucht, weil er ihn als ein schlechtes Omen für den Ausgang ansah. Das scheint sich nicht auf die Kampfhandlung ausgewirkt zu haben, und auch Oliver Cromwell nahm sich dies in der Schlacht von Marston Moor im englischen Bürgerkrieg zu Herzen. Er wies seine Truppen an: „Betet zu Gott, aber haltet das Pulver trocken.“ Immer noch sehr erdverbunden.

Ich möchte nun darauf zu sprechen kommen, was ich für notwendig halte, um die Zivilisation erhaltenswert zu machen, denn wir müssen uns darüber bewußt sein, daß viele andere Spezies ebenfalls ausgestorben sind, und wir trauern nicht unbedingt den Dinosauriern nach, weil es den Tyrannosaurus Rex nicht mehr gibt. Wir sollten uns deshalb sicher sein, daß unsere Gattung erhaltenswert ist, bevor wir beschließen, alle Gefahren aus dem Weltall abzuwenden.

Deswegen habe ich mich entschlossen, das sogenannte „Zivilisatorische Genom-Projekt“ in Angriff zu nehmen. Es unterscheidet sich von dem „Humanen Genom-Projekt“, denn es befaßt sich mit dem, was wir kollektiv als Menschen brauchen, um eine Regierung einzusetzen und eine politische und soziale Kultur zu entwickeln, die überlebenswert ist, welche uns über ein tierähnliches Dasein erhebt, das sich nur auf Geld, Macht, Sex und leibliches Wohl bzw. Herrschaft um der Herrschaft willen aus ist. Ein solches tierähnliches Dasein müssen wir als Menschen ablehnen.

Ich habe einmal versucht, eine Art „Elendsindex der Welt“ aufzustellen – welchen Anteil daran man Menschen zuschreiben muß, die andere Menschen töten, unterdrücken und verfolgen, und welcher Anteil auf Tsunamis und anderen natürlichen Katastrophen beruht. Weit über 95% bezieht sich auf Menschen, die andere aus Engstirnigkeit, Herrschsucht und anderen äußerst verderblichen Motiven ermorden, unterdrücken und beherrschen. Wenn wir das gesellschaftliche Leben auf der Welt verbessern wollen, müssen wir uns kurzfristig darauf konzentrieren, Menschen daran zu hindern, Unheil für andere zu schaffen. Das betrifft nicht nur einige Zehntausend, sondern Milliarden. Dabei geht es um Unterdrückung oder Tötung von Menschen wegen ihres Geschlechts: Sie können nicht zur Schule gehen; sie werden wegen ihrer rassischen oder religiösen oder nationalen oder ethnischen Zugehörigkeit umgebracht, d.h. aus sehr, sehr engstirnigen und moralisch verwerflichen Motiven.

Das eigentliche Staatsziel: Entwicklung der Menschen

Denkt man an die Grundlagen, das Genom-Projekt für die Regierung, müssen wir als erstes Prinzip akzeptieren, was den meisten, wenn nicht allen Menschen verweigert wird: daß es das eigentliche Ziel des Staates ist, daß Männer und Frauen ihre Fähigkeiten frei entwickeln können und für ihre Lebensbahn und ihr Schicksal moralisch verantwortlich sind. Das ist das eigentliche Ziel des Staates. Es geht nicht um die Höhe der Krankenversicherung oder des BIP oder der Arbeitslosigkeit; es geht nicht darum, andere zu beherrschen und die Nummer eins oder Nummer zwei in der Welt zu sein, so wie man Nationen wie Fußballmannschaften aufreiht und jede Woche eine neue Rangordnung festlegt.

Das eigentliche Ziel des Staates ist es, die individuelle Herausforderung, Stärke und Glückseligkeit auf jeweils individuelle Weise zu fördern. Darin liegt der Erfolg. Erfolg ist nicht, anderen Ländern sagen zu können, was sie zu tun haben. Erfolg ist nicht, jemand anderem einzutrichtern, was man selbst für tugendhaft hält. Erfolg ist, wenn man jedem einzelnen eine faire Möglichkeit gibt, in seinen Bestrebungen voranzukommen. Das ist der erste Grundsatz, der jeder einzelnen Regierung auf der Welt eingeschärft werden muß. Auf diese Weise ließe sich der menschliche Elendsindex über Nacht um ein Vielfaches senken.

Das zweite Genom-Grundprinzip der Zivilisation bezieht sich auf die Organisation der Regierung. Im Wissen, daß Menschen keine Engel sind, müssen die Gewalten geteilt oder fragmentiert werden, so daß nicht eine Fraktion die andere tyrannisieren kann. Unser Gründervater James Madison hat einmal gesagt, man müsse dafür sorgen, daß „das Streben dem Streben entgegenwirkt.“ Man kann bei denen, die sich an die Macht klammern, nicht auf Engelseigenschaften setzen, besonders nicht in der politischen Klasse, die keine Zufallsauswahl der Bevölkerung ist. Menschen zieht es in die Politik, weil sie gerne andere beherrschen und egomanisch sind. Sie wollen Beachtung. Deswegen brauchen wir die gegenseitige Kontrolle.

Wir wissen, was sonst passiert: Man gibt jemandem unbegrenzte Macht, ungeachtet seines Hintergrunds, wie etwa bei dem derzeitigen Bewohner des Weißen Hauses, und er maßt sich an, jeden auf dieser Erde umzubringen, von dem er im Geheimen sagt, er sei eine unmittelbare Gefahr und könnte mit Al-Kaida unter einer Decke stecken. „Ich brauche keine Kontrolle, ich liege immer richtig.“ Das sind die Folgen unbegrenzter Macht.

Gegenseitige Kontrolle ist somit unverzichtbar, wenn wir eine Zivilisation schaffen wollen. Ohne sie folgt Tyrannei. Diese Erkenntnis ergibt sich einerseits, wenn man zwischen der Gefahr einer zu starken Regierung wählen muß, die mit einer bestimmten Autorität ausgestattet sein muß, denn im Naturzustand sind die Geschöpfe nach Hobbes’ Darstellung „armselig, brutal, gemein und dumm.“ Wir wissen, daß die menschliche Natur ohne Führung verkommen ist, und wir brauchen eine Regierung, die Raub, Diebstahl und Totschlag verhindert. Aber in der Wahl zwischen einer zu schwachen und einer zu starken Regierung werden wir uns für eine schwächere Regierung entscheiden müssen, denn Regierungen können immer erheblich schlimmer sein als jedes Individuum oder jede Gruppe von Individuen. Man denke nur an den Massenmord, den Völkermord unter Mao und Stalin: Hunderte Millionen! Im Vergleich zum Völkermord, zum Holocaust verblaßt die Zahl von Mordtaten, die ein einzelner verüben kann.

Deswegen ist das Grundprinzip jeden staatlichen Vorgehens auf Freiheit ausgerichtet; die Ausnahme sind Übergriffe gegen die Freiheit. Die Regierung muß immer eine sehr hohe Hürde überwinden, um Übergriffe auf unsere Freiheit zu rechtfertigen – uns auszuspionieren, uns einzusperren, unsere Redefreiheit einzuschränken: Sie muß einen sehr, sehr hohen Standard wahren. Denn eine zu starke Regierung vergeht sich an dem eigentlichen Grund, warum wir überhaupt Zivilisation und Freiheit haben.

Die wahrscheinlich wichtigste Idee in der Geschichte der Zivilisation, die unserer Regierung eingebleut werden muß, ist die Rechtsstaatsgarantie, das Recht auf ein ordentliches Gerichtsverfahren. Die erste wichtige Erkenntnis des Menschen war: „Ich könnte unrecht haben“ – man könnte ein Ereignis auf mehr als nur eine Weise betrachten. Nietzsche hat einmal gesagt, es gebe keine Tatsachen, nur Interpretationen. Darin liegt eine große Weisheit. Man kann ein Ereignis auf vielerlei Weise interpretieren! Es gibt kein Monopol auf Weisheit. Man braucht ein faires Verfahren, bevor man Sanktionen oder irgendeine Strafe verhängt, man muß die andere Seite anhören und ihr die Möglichkeit der Verteidigung geben. Und ein Unparteiischer muß entscheiden, der kein persönliches Interesse an einem bestimmten Ausgang hat.

Die Rechtsstaatlichkeit, jene intellektuelle Bescheidenheit, „ich könnte unrecht haben“, muß das Kernstück jeder Verfassung und jeder staatlichen Verfügung sein. Man sieht ja, was ohne rechtsstaatliches Verfahren passiert: Das ist die Geschichte der Ungerechtigkeit, oder? Anonyme, unwidersprochene Beschuldigungen könnten jeden ins Gefängnis oder sogar in die Todeszelle bringen.

Das sind die Grundprinzipien einer Regierung, die für den Erhalt der Zivilisation entscheidend sind.

Das letzte und vielleicht wichtigste ist die Einsicht, daß Nationen als Nationen kein unabhängiges Interesse haben, welches über das hinausginge, daß alle seine Bürger in Freiheit leben können. Es gibt kein nationales Interesse, die Ressourcen zu kontrollieren, sein Territorium zu erweitern oder die Ölversorgung zu kontrollieren. Was heißt nationale Sicherheit? Wir beherrschen doch nicht das Ostchinesische Meer, das Westchinesische Meer, den asiatischen Raum oder den Nahen Osten. Worum geht es dabei? Eine Nation als Nation ist ein künstliches Gebilde. Es gibt nur Menschen. Nationen bestehen aus Menschen. Man spricht von „nationalen Zielen“, doch das eigentliche Ziel besteht darin, das Individuum dieser Nation in Freiheit leben zu lassen, seine Fähigkeiten zu entwickeln und ihm die moralische Verantwortlichkeit dafür zu geben, was es mit seinem Leben anfängt. Darin liegt Erfolg. Der Prozeß selbst ist der Erfolg.

Diese Fragen, vor denen wir stehen, sind keineswegs neu. Wir sind nicht die erste Generation, die sich der Notwendigkeit bewußt wäre, den Elendsindex der Welt zu senken. Das geht auf das Buch der Prediger im Alten Testament zurück, wo es heißt: „Was ist’s, das man getan hat? Eben das man hernach tun wird; und geschieht nichts Neues unter der Sonne.“

Das bedeutet nicht, daß es keine neuen Technologien gibt. Das wurde nicht im Zeitalter des Internets geschrieben, und ich bin sicher, daß etwas anderes an die Stelle des Internets treten wird. Es gibt technologische Veränderungen. Doch die Motivation der Menschen, die Aufgabe, ein Leben jenseits der tierischen Existenz zu führen, hat uns von Anfang an begleitet. Wie man auch in Frankreich sagt: „Je mehr sich die Dinge ändern, um so mehr bleiben sie gleich.“

Reife Tugenden als kulturelle Norm

Ich habe zumindest mit Blick darauf, wie man Regierungen sieht und aufbaut, vom Genom-Projekt gesprochen. Aber die Regierung allein ist nicht die Erfolgsgeschichte, die wir verfolgen sollten. Wir brauchen ebenso eine politische und soziale Kultur, welche die staatlichen Verfügungen untermauert, wenn man so will, oder die Regierung in die Schranken weist. Aber die vielleicht wichtigste soziale, kulturelle Norm, die du und ich – die Gesellschaft insgesamt – achten und billigen müssen, möchte ich die „reifen Tugenden“ nennen: Weisheit, Zurückhaltung, Bescheidenheit, Demut und der Beherrschung um der Beherrschung willen zu widerstehen und seine Seele nicht für ein Linsengericht zu verkaufen. Das sollte in einer sozialen Kultur belohnt werden – nicht unbedingt durch Geld, sondern durch Ehrerbietung und sozialen Status, indem man jenen Beifall spendet, die diese Tugenden zeigen, und Leute wie Donald Trump oder Bloomberg ächtet, die mit ihrem Reichtum protzen und gleichzeitig ein philosophisch ganz armseliges Leben führen. Armselig! Das sind moralische Jammergestalten, und sie sollten auch so behandelt werden!

Und wir brauchen eine Kultur, in der die Gier nach Sex, Geld, Macht und leiblichem Wohl als kindisch abgelehnt wird, als etwas, woraus man schon im Sandkastenalter herausgewachsen ist – all jene schlechten Angewohnheiten, die wir tagtäglich in der politischen Welt sehen. Die jämmerlichsten Gestalten üben heute Gewalt aus, was in den Augen der Welt zu dem derzeitigen Höchststand des Elendsindex geführt hat.

Auch in unserem Privatleben müssen wir uns mit Sokrates klarmachen, daß „ein Leben ohne Selbsterforschung gar nicht verdient, gelebt zu werden“. Ein bloßes Sein um seiner selbst willen ist nicht gut genug. Wir müssen uns fragen: Warum sind wir hier? Warum leben wir auf diesem Planeten? Was können wir tun, um das Leben angenehmer zu machen – ehrenhafter, als lediglich nach Befriedigung unserer Lüste zu streben? Wie können wir eine höhere Lebensform erreichen?

Vor dieser Herausforderung steht die Zivilisation heute, so wie auch gestern, und sie wird vor dieser Herausforderung auch morgen stehen. Jedes Kind wird doch mit der gleichen DNA geboren, oder? Dabei spielt es keine Rolle, ob man in Neuseeland oder Sibirien, in den Vereinigten Staaten oder Somalia lebt. Alle Menschen haben den gleichen Ausgangspunkt, die gleiche DNA. Und mit den gleichen moralischen Herausforderungen muß sich jede Generation erneut auseinandersetzen. Alles, was wir als heute lebende Generation tun können, ist, daß wir für die noch nicht Geborenen jene Normen von Freiheit, Ehre und Moral erhalten, welche ihnen die gleichen Möglichkeiten wie uns bieten, gegen das Böse anzukämpfen, das in der Menschheit weiterbesteht.

Das ist meines Erachtens unsere Verpflichtung, wenn wir nach zwei Tagen diese Konferenz beenden. Wir kontrollieren nicht die Welt. Was wir kontrollieren, ist uns selbst, Was wir kontrollieren ist das, was unser Leben motiviert. Innerhalb unseres Rahmens, innerhalb unserer Fähigkeit, andere zu motivieren, können wir ein ehrenwertes Leben führen, das Unterdrückung und die Beschäftigung mit kindischen Zielen ausschließt, welche zum Zerfall unserer Gattung geführt hat. Wir befinden uns schon seit langer Zeit am Rande eines Atomkriegs; viele von Ihnen haben wahrscheinlich noch die Kubakrise erlebt, als wir tatsächlich dachten, die Erde würde sehr bald zugrunde gehen.

Aber denken Sie daran, Sie selbst haben Ihr Schicksal und Ihr moralisches Leben in der Hand, niemand kann jemand anderes dafür verantwortlich machen.

Vielleicht haben wir keinen Erfolg. Die Geschichte der Menschheit zeigt, daß Menschen mit den größten und edelsten Ideen nicht immer Erfolg hatten. Viele von ihnen wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt; viele von ihnen kamen um, ohne für ihren Mut und ihr Heldentum belohnt worden zu sein. Wir müssen uns damit abfinden, daß dies auch uns geschehen könnte, denn alle Zuhörer hier wissen, daß wir nicht die Mehrheit sind. Die Mehrheit sitzt in der Wall Street, in den Rüstungsbetrieben, sie haben riesige Reichtümer angehäuft. Sie üben eine ungeheure politische Macht aus. Sie haben das Monopol auf staatliche Gewalt.

Aber was sie nicht haben, was allerdings wir haben, ist eine philosophische Seele, die ungeachtet aller Verlockungen, die uns von einer höheren Lebensform ablenken soll, voranschreitet.

Vielen Dank