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Eurasische Integration als Überlebenschance in der globalen Wirtschaftskrise

Natalia Witrenko
Doktor der Wirtschaftswissenschaften, Vorsitzende der Progressiven Sozialistischen Partei und der Eurasischen Volksallianz der Ukraine

Im Wortlaut

Liebe Konferenzteilnehmer! Wir Menschen unterschiedlichen Glaubens und unterschiedlicher politischer Ansichten, Repräsentanten verschiedener Länder und Kontinente, haben eines gemeinsam: Unsere Sorge um das Schicksal der Menschheit. Wir können vor unseren Augen sehen, wie das Fundament der menschlichen Existenz, die Weltwirtschaft, zerstört wird.

Damit die Weltwirtschaft vernünftig funktionieren kann, müssen bestimmte Grundsätze befolgt werden:

1. Das Geld sollte in der Welt dem Austausch von Gütern entsprechen und sollte der Bewegung von Werten als Umsetzung der Beziehungen zwischen Ländern dienen.

2. Das Weltfinanzsystem sollte entsprechend der Funktion des Geldes auf der Welt verschiedenartigen Beziehungen zwischen den Ländern dienen, wie Kapitalflüssen, Investitionen, Anleihen und Subventionen, dem Außenhandel mit Gütern und Dienstleistungen usw. Diese Beziehungen sollten vor allem die Modernisierung bestehender und die Schaffung neuer produktiver Kapazitäten fördern.

3. Das weltweite Bankensystem sollte die effektive Nutzung der Kreditressourcen und die Entwicklung der Produktion in jedem Land fördern.

4. Der Welthandel sollte eine wirksame weltweite Arbeitsteilung und den für beide Seiten nützlichen Warenaustausch zwischen den Ländern fördern.

Die katastrophale Verschärfung der Weltkrise ist mit der Verzerrung dieser Grundfunktionen in allen Kategorien verbunden.

Erstens diente der US-Dollar seit 1944 als Weltwährung. Nach 1971 verlor er seine Deckung durch reale Produkte oder Gold und war seither kein reales Maß für den Wert von Gütern und Dienstleistungen mehr. Das Drucken von Dollars liegt ganz in der Hand des Federal-Reserve-Systems, einer privaten Organisation, und die Weltgemeinschaft hat keinerlei Einfluß darauf. Dadurch hat sich eine Dollar-Pyramide aufgebaut, die zwangsläufig kollabieren und die gesamte Weltwirtschaft mit sich reißen wird.

Zweitens, anstatt Anreize für die Realwirtschaft zu geben, hat das jetzige Weltfinanzsystem zum Entstehen eines riesigen fiktiven Geldmarktes geführt. Milliardenströme von Dollar bestimmen, ob Marktpreise steigen oder fallen, und dadurch können nicht nur einzelne Firmen oder Industriebereiche, sondern sogar ganze Länder ausgelöscht werden. Länder und Regierungen, die dabei nicht mitmachen wollen, werden mit finanzieller Kriegführung überzogen. Offshore-Zonen wurden eingerichtet, wohin Billionen von Dollar an Kapital am Fiskus vorbei verschoben werden; den Volkswirtschaften entgehen damit die Mittel zum Wachstum. Die Kreditvergabe durch den IWF ist an strenge Auflagen gekoppelt und läßt die Länder noch weiter in der Verschuldung versinken.

Drittens, das Weltbankensystem hat sich in eine kriminelle Vereinigung verwandelt, die der Realwirtschaft das Blut entzieht, die Regierungen paralysiert und die Bevölkerung ganzer Länder ausraubt, nur damit jene, die das Bankkapital besitzen, Superprofite einstreichen können. Das Bankengeheimnis dient dabei als Bastion, um solche Aktivitäten zu schützen. Die regelmäßige Ausschüttung astronomischer Bonuszahlungen ist zur akzeptierten Norm geworden, während die internationale Gemeinschaft und die nationalen Regierungen keinerlei Aufsicht über die Aktivitäten der Banken mehr ausüben können. Billiarden von Dollar an Derivaten wirken wie eine Boa Constrictor auf die Weltwirtschaft, wodurch diese letztlich kollabieren wird.

Viertens und letztens, das bestehende Welthandelssystem, auch „Freihandel“ oder Liberalisierung genannt, dient nur dazu, die Märkte von Ländern in der Zweiten und Dritten Welt zu öffnen, damit sich transnationale Konzerne ihrer bemächtigen können. Die Rohstoffe in den peripheren Ländern werden von den führenden Ländern in Besitz genommen. Das läßt ganze Volkswirtschaften bankrott gehen und soziale Probleme anwachsen.

Wenn die Fundamente der Weltwirtschaft zerstört werden, entsteht daraus zwangsläufig eine Krise mit Chaos und Instabilität, Kriegen, Seuchen, Katastrophen, Massensterben von Bevölkerungen und der Zerstörung von Volkswirtschaften und der nationalen Souveränität. Die Vernichtung von Volkswirtschaften ist ein unvermeidlicher Teil der Globalisierung, um eine neue globale Weltordnung zu errichten. Die Mechanismen der Globalisierung verlaufen über den Weltwährungsfonds (IWF), die Welthandelsorganisation (WTO), die Weltbank und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD).

Die Ukraine als Opfer der Globalisierung

Ein dramatisches Beispiel ist die Ukraine. Ich möchte Ihnen diese Katastrophe in Zahlen aus den letzten 20 Jahren vorführen.

Sechs Monate nach ihrer Unabhängigkeitserklärung trat die Ukraine am 3. Juni 1992 dem IWF bei, erhielt erste Kredite und akzeptierte die Auflagen. 1995 kam Lyndon LaRouche auf unsere Einladung in die Ukraine, ebenso Helga Zepp-LaRouche und andere Vertreter des Schiller-Instituts. LaRouche kam mit dem ukrainischen Parlamentspräsidenten Alexander Moroz zusammen; er traf sich mit Abgeordneten der Sozialistischen Partei; er traf sich mit Wissenschaftlern und Ökonomen und sagte ihnen, was getan und was unterlassen werden sollte, sowie welche Reformen erforderlich seien, um eine Erholung und Renaissance der Wirtschaft zu bewirken.

LaRouche strahlt eine Liebe für die Menschheit aus; der IWF hingegen kam mit Dollars und bestach Politiker, Beamte und Abgeordnete. Anstatt auf LaRouche zu hören, begann die Ukraine somit alles zu tun, was der IWF verlangte: Deregulierung, Privatisierung und „makroökonomische Stabilisierung“.

Was bedeutete Deregulierung? Das bedeutete einen gleitenden Wechselkurs, während alle staatlichen und Handelsbanken freigesetzt wurden und sich alleine durchschlagen mußten. Dann folgte die Privatisierung, wodurch die im Grunde gesamte Wirtschaft für ein paar Peanuts versteigert wurde – die Landwirtschaftskollektive, die Industriebetriebe usw. Makroökonomisch sank die Ukraine zu einem Billiglohnland herab, wobei auch die Sozialleistungen gekürzt und die Subventionen für Mieten und Versorgungsbetriebe gestrichen wurden.

2008 trat die Ukraine der WTO bei, mit ähnlichen Ergebnissen, angefangen mit dem Niedergang der realen Produktion in der Ukraine.

In Abbildung 1 sieht man, wie in den zwei Jahrzehnten von 1991 bis 2012 das BIP und die Produktionsleistung in wichtigen Industriebereichen sank. Ich sage gleich noch etwas über das BIP, doch schauen wir uns erst einmal die zweite Spalte an, die Stromproduktion: Sie sank um 35%. Die Erzeugung von Walzstahl sank um mehr als die Hälfte. 2012 betrug die Produktion von Traktoren nur noch 5% von dem, was sie 1990 einmal war – und das in einem Land, das über 20% der Schwarzerde weltweit verfügt und in dem ein Drittel der Bevölkerung auf dem Lande lebt. Die Werkzeugmaschinenindustrie brach praktisch völlig zusammen, obgleich die Ukraine zuvor über 16 große Werkzeugmaschinenbetriebe verfügte, die 1990 noch 37.000 Werkzeugmaschinen produzierten. Jetzt sind davon nur noch drei übrig, die sich kaum mehr über Wasser halten können, und sie produzieren nur noch 40 Werkzeugmaschinen im Jahr.

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Von 50.000 privatisierten Betrieben hörten 49% auf zu bestehen. Sie wurden geschlossen. 1990 war der Maschinenbau der Kernbereich der ukrainischen Wirtschaft. Es gab 360 Maschinenbaubetriebe, die in 20 spezialisierten Industriesparten tätig waren. Die Ukraine hatte einen modernen militär-industriellen Sektor, Maschinenbaubetriebe für die Schwerindustrie und die Kraftwerksindustrie, Raketenbau, eine Luftfahrtindustrie, Schiffbau, Auto-, Lokomotiven-, Traktoren- und Werkzeugmaschinenbau. Der Maschinenbau machte 31% des BIP aus, was die Ukraine zu einem der zehn führenden Länder in der Welt machte.

Die Ukraine repräsentierte 2% des weltweiten BIP und lag 11% über dem weltweiten Durchschnitt des Pro-Kopf-BIP. 2012 produzierte die Ukraine nur noch 0,2% des weltweiten BIP. Pro Kopf liegen wir 40% unter dem weltweiten Durchschnitt und noch unterhalb von Namibia.

Die Basis, auf der die ukrainische Wirtschaft wächst, ist Wissenschaft. Wir waren immer stolz auf die sowjetische Wissenschaft und insbesondere auf die ukrainische Wissenschaft. Was die Stärke unseres Wissenschaftsbereiches angeht, standen wir einmal an 7. Stelle in der Welt, doch inAbbildung 2 sieht man die Zerstörung der ukrainischen Wissenschaft. Folgendes hat die ukrainische Wissenschaft in den letzten 20 Jahren durchgemacht.

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Es haben einmal 500.000 Menschen in der Wissenschaft gearbeitet. Die Begabtesten haben das Land verlassen – Zehntausende. Hunderttausende von Wissenschaftlern landeten auf der Straße; sie betätigten sich als Kleinsthändler, verkauften Sachen auf den Flohmärkten, arbeiteten in ihren Schrebergärten oder gingen in den Ruhestand. Hunderttausende junge Leute, die Wissenschaftler werden wollten, konnten es nicht. Man sieht, daß sich die Zahl der Menschen, die im System der Nationalen Akademie der Wissenschaften beschäftigt sind, um 50% zurückgegangen ist. Und dann die Gesamtzahl der Wissenschaftler. Sie beträgt nur ein Drittel gegenüber früher. Die Zahl der Beschäftigten in innovativen Industriebereichen liegt bei etwa einem Drittel des früheren Stands. Die Forschung in den technischen Wissenschaften beträgt noch 28% von früher. Und die Zahl industrienaher Forschungsinstitute ist nur noch 9,5% von früher. Die Einführung und Umsetzung neuer Technologien erfolgt nur noch bei 7,6% der Rate von 1990. Es sei festgestellt, daß diese Zerstörung der Wissenschaft ebenfalls bedeutet, daß der Anteil von Firmen, die innovative Forschung betreiben, nur noch 28% von früher beträgt. Der Anteil des BIP-Wachstums, der auf neue Technologien zurückgeht, beträgt in der Ukraine nur noch 0,7% gegenüber 60-90% in den Industrieländern.

Das ist ein Skandal, eine Schande für die Ukraine!

In den Jahren der „Unabhängigkeit“ hat die Ukraine 12 Mio. Arbeitsplätze verloren. Nach Darstellung der ILO (Internationale Arbeitsorganisation) ist unsere Arbeitslosigkeit etwa 10%, aber das ist nicht das gesamte Bild, sondern nur die Spitze des Eisberges. Sie liegt viel höher.

Was sich in der Ukraine in diesen Jahren angehäuft hat, sind Auslandsschulden. Wir haben jetzt eine direkte ausländische Staatsverschuldung von 24,5 Mrd. $ oder das Doppelte der Gold- und Devisenreserven des Landes, und unsere gesamte Auslandsverschuldung nähert sich 80% des BIP.

Das Schlimmste daran ist, daß die Bevölkerung aufgrund des Wirtschaftskollapses verarmt. Der Mindestlohn in der Ukraine beträgt 118 € im Monat. Die Mindestrente ist 86 € im Monat. Aber wir leben nicht in Afrika. Das Klima ist bei uns ziemlich kalt: Man muß heizen, man muß warme Kleidung haben usw. Diese Beträge sind für Mitteleuropa absolut untragbar. Sie sind nur ein Drittel von dem, was man zum Leben braucht. Der für den Mindestlohn festgelegte Betrag führt direkt zum Tod vieler Menschen und zum Abbau der Bodenschätze. Der Anteil der Löhne bei der Wertschöpfung ist in der Ukraine im Schnitt nur 6,3%, verglichen mit 40% in der EU. 80% der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze.

Angestiegen sind die Drogenabhängigkeit, der Alkoholkonsum, die extreme Ausbeutung der Arbeiter, der psychologische Streß, die Kriminalität und die Umweltbelastung. Das sind die Hauptfaktoren für die gesunkene Lebensqualität für die Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung. Unsere durchschnittliche Lebenserwartung ist von 71 auf 68,8 Jahre gesunken und liegt 15 Jahre unter dem europäischen Durchschnitt. Männer leben im Schnitt nur 62 Jahre, dennoch hat sich die Ukraine den IWF-Forderungen nach einer Rentenreform gebeugt, wonach das Renteneintrittsalter für Frauen von 55 auf 60 Jahre und für Männer auf bis zu 62 Jahre in einigen Berufsgruppen heraufgesetzt wurde.

Abbildung 3 zeigt die Veränderungen in der Bevölkerungszahl. Daran wird deutlich, worüber Lyndon LaRouche in bezug auf bewußten Völkermord sprach.

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1990 gab es 52,1 Mio. Einwohner in der Ukraine. Nominell haben wir jetzt, 2012, 45,6 Mio. Aber weitere 7 Mio. haben das Land verlassen und leben aus wirtschaftlichen Gründen im Ausland und sind somit nicht mehr in der Ukraine. Sie leben jetzt in Rußland, weil sie in der Ukraine keine Arbeit mehr gefunden haben. Aus diesem Grund steht die Ukraine heute auch an der Weltspitze, was Drogenabhängigkeit und Alkoholismus unter Jugendlichen angeht.

Wir hatten einmal Aus den 52 Mio. Einwohner, die wir einmal hatten sind, heute nominell 45,6 Mio. geworden. Doch tatsächlich haben wir nur 39 Mio. Einwohner. Im Großen Patriotischen Krieg, dem Zweiten Weltkrieg, verlor die Ukraine 5,5 Mio. Menschen, und 2 Mio. mußten für Deutschland Zwangsarbeit leisten. Insgesamt verloren wir 7,5 Mio. Menschen während des Krieges. Während der letzten 20 Jahre Reform sind 6,5 Mio. gestorben und 7 Mio. sind abgewandert, d.h. fast 14 Mio. Das ist fast doppelt soviel wie die Verluste während des Krieges.

Der weiße Bereich zeigt als Extrapolation, wie groß die ukrainische Bevölkerung ohne die massiven Zerstörungen gewesen wäre. Hätte sich das langsame Wachstum zwischen 1970 und 1990 mit Vollbeschäftigung, kostenloser Bildung und kostenloser Gesundheitsversorgung fortgesetzt, wäre unsere Bevölkerung jetzt 56,6 Mio., d.h. fast 57 Mio. Somit hat unser Land ein Drittel seiner Bevölkerung verloren! Das ist ein Verbrechen, das ist tatsächlich eine Politik des Völkermordes.

Infolgedessen nähert sich die Ukraine wie andere Ländern auch der gefährlichen Grenze zum totalen Wirtschaftskollaps, sozialer Explosion, ständiger politischer Umstürze, Verlust der Souveränität, Chaos und der Gefahr eines Bürgerkrieges.

Rettung durch regionale Integration

Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz sagte im Februar diesen Jahres, man könne von der Gruppe der 7 oder der Gruppe der 8 oder der Gruppe der 20 sprechen, doch in Wirklichkeit sei alles eine Gruppe der null, ein großes Nichts. Dem stimme ich zu. Die führenden Länder der Welt haben sich als völlig unfähig erwiesen, Vorschläge zur Rettung der Menschheit zu unterbreiten. Dabei sehen wir das Erbeben der Weltwirtschaft, die menschenfeindliche Natur des britischen Wirtschaftsmodells und die Unfähigkeit der führenden Länder, die Menschheit vor dem Tod von Milliarden Menschen zu bewahren.

Was muß die Menschheit somit tun? Die Menschheit kann sich nicht auf den Humanismus und die Uneigennützigkeit der führenden kapitalistischen Länder verlassen, sondern muß lokale Allianzen und eine regionale Integration anstreben. Dieser Versuch wird angetrieben durch die ungeheure Schuldenkrise der führenden Volkswirtschaften, der EU und der USA.

Für einen integrativen Ansatz in der Weltwirtschaft gibt es heute keine Alternative. Nur wirtschaftliche Verbünde mit 250-300 Mio. Bewohnern können unter den heutigen Bedingungen überleben. Regionale Allianzen können Anreize für eigene Binnenmärkte schaffen, ihre eigene Produktion steigern, Modernisierung bewirken, neue Technologien einführen, für ein stabiles Beschäftigungswachstum sorgen und die Lebensqualität und die Lebenserwartung erhöhen.

Dr. Galloni hat uns eine hervorragende Perspektive für regionale Integration in Europa aufgezeigt. Andere Teilnehmer aus Argentinien hatten ähnliche Ideen, die drauf basieren, daß Länder ihre Anstrengungen bündeln, wie LaRouche es vorgeschlagen hat. Je mehr regionale Integration wir haben, desto besser können wir die Länder vor den Fehlern des heutigen Wirtschaftssystems schützen.

Wir brauchen deshalb globale Reformen, um die vier von mir eingangs erwähnten Kategorien normal aufeinander abzustimmen.

1. Wir brauchen regionale Währungen, die durch die reale Produktion und Gold gestützt werden. Wir brauchen Souveränität in der Währungspolitik und eine Wiedereinführung von Devisenkontrollen. Geld darf nur gedruckt werden, wenn damit realwirtschaftliches Wachstum gefördert wird.

2. Wir brauchen ein regionales Finanzsystem, welches die Zusammenarbeit zwischen den Ländern auf ein qualitativ neues Niveau der Partnerschaft und gegenseitigen Hilfe hebt. Wir brauchen unsere eigenen Quellen des Geldumlaufs und sogenannter langfristiger Gelder für unsere Volkswirtschaften. Die derzeitigen Märkte sind als Investitionseinrichtungen absolut inakzeptabel. Der Dow Jones, der NASDAQ und entsprechende Börsenbarometer sollten zugunsten unserer eigenen Ratingagenturen abgeschafft werden, um eine wirkliche Bewertung von Kreditrisiken vornehmen zu können. Hedgefonds und Offshorezonen müssen weg. Mit der Steuerpolitik der integrierten Volkswirtschaften müssen Arbeitsplätze in der Realwirtschaft geschaffen werden, usw.

3. Das Bankensystem muß reformiert werden, um eine Bankentrennung entsprechend dem Glass-Steagall-Modell zu ermöglichen, spekulatives Kapital abzuschreiben und leistungsstarke Kreditlinien für langfristige Investitionen in kapitalintensive Infrastrukturprojekte zu schaffen. Das Bankgeheimnis gehört abgeschafft, und wir brauchen volle Transparenz der Tätigkeit von Nationalbanken in jedem Land. Außerdem müssen sich Länder zusammenschließen, um Aufsicht über die Zentralbanken regionaler Allianzen auszuüben. Ebenfalls erforderlich ist die Schaffung regionaler Entwicklungsbanken zur Finanzierung großer Gemeinschaftsprojekte.

4. Wir müssen uns an die Worte Hamiltons erinnern: Protektionismus ist eine Notwendigkeit. Hamilton sagte, ein Nationalbanksystem und Handelsprotektionismus seien Mittel, um die Binnenmärkte zu schützen. Die Deregulierung des interregionalen Handels sollte nur zugelassen werden, wenn dadurch die Entwicklung von Industrie und Infrastruktur in jedem Land gefördert wird. Deswegen brauchen wir eine neue Qualität der internationalen Wirtschaftskooperation auf Grundlage der Prinzipien von Produktionspartnerschaft und technologischer Kooperation als Alternative zum Freihandel. Für die wirtschaftliche Entwicklung souveräner Nationalstaaten muß Chancengleichheit hergestellt werden.

Die nationale Souveränität läßt sich erreichen, wenn wir die Rolle des Staates in der Wirtschaft stärken. Wir haben gestern eine Diskussion über schwache Regierungen geführt. Schwache Regierungen in den einzelnen Ländern ist der Traum der englischen Königin und ihres Machers Barack Obama. Wenn aber Reformen zur Modernisierung der Produktion und zur Einführung neuer Technologien durchgesetzt werden sollen, sind dafür starke Regierungen erforderlich. Herr Kotegawa nannte dies einen Krieg, und wir müssen diesen Krieg gewinnen. Stellen Sie sich einen wehleidigen Nichtsnutz wie zum Beispiel Gorbatschow vor: Hätte der den Zweiten Weltkrieg gewonnen? Nur eine starke sowjetische Regierung erzwang den Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg und rettete die Menschheit vor dem Faschismus. Darunter versteht man eine starke Führung und eine starke Regierung.

Das ist meine Sicht, wie man radikale Änderungen in der Weltwirtschaft durch regionale Integration erreichen kann.

Die Ukraine und die Eurasische Union

Ich möchte zum Schluß noch etwas zu den Aussichten der Ukraine in der Eurasischen Union sagen. Für uns wäre es eine einzigartige Chance, das Land zu retten, wenn wir der Zollunion mit Rußland, Weißrußland und Kasachstan und der neuen Eurasischen Union beiträten. Es war für die Führungen dieser drei Länder eine objektive Notwendigkeit, diesen gemeinsamen Markt zu bilden und ihre produktiven Kapazitäten zu vereinigen. Wäre das nicht geschehen, hätte sich der globale Kampf um die Ressourcen vom Nahen zum Fernen Osten verlagert und hätte gesamt Eurasien betroffen. In diesem Gebiet sind wir durch eine gemeinsame Kultur vereint.

Die Integration mit Rußland ist der Ausweg für die Ukraine, Weißrußland und Kasachstan. Weißrußland hat sich organisch in diese Richtung bewegt, während die Ukraine all die Jahre ihrer sogenannten Unabhängigkeit von Washington und Brüssel gesteuert wurde, und das hindert die ukrainische Regierung daran, sich für die Integration zu entscheiden, die einzige Politik, die vom wirtschaftlichen und zivilisatorischen Standpunkt Sinn macht: Der Zollunion und dem einheitlichen Wirtschaftsraum mit Rußland, Weißrußland und Kasachstan beitreten.

Im Gegenteil, die ukrainischen Behörden haben eine Politik der Euro-Integration, einer Freihandelszone mit der EU und eines Nato-Beitritts angekündigt. Für die Ukraine – für unsere Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und politische Stabilität – ist dies eine Sackgasse und eine ruinöse Perspektive. Nach Erkenntnissen des Nationalen Vorhersageinstituts der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften würde eine Freihandelszone mit der EU zu einem Rückgang des ukrainischen BIP führen, da unsere einheimische Produktion aus den Märkten gedrängt würde.

Unsere Energiekosten pro Einheit BIP ist das Vierfache des EU-Durchschnitts, so daß unsere Betriebe unter diesen Bedingungen einfach bankrott gingen. Die Ukraine hätte nach einem EU-Beitritt mehr Probleme als Zypern, Griechenland, Spanien, Italien oder Portugal heute. Wenn die Ukraine jedoch der Eurasischen Zollunion beiträte, erhöhte sich das BIP um etwa 1,5-6%. Das hat Präsident Putin im letzten Monat Präsident Janukowitsch mitgeteilt. Das Institut für Wirtschaftsprognosen der Russischen Akademie der Wissenschaften hat berechnet, daß die ukrainische Wirtschaft nach einem Beitritt zur Zollunion einen Gewinn von 7 Mrd. $ jährlich erzielen werde, und ihre Exporte würden um 60% oder 9 Mrd. $ jährlich steigen.

Wenn genügend Zeit wäre, könnte man analysieren, welche Vorteile sich für die Ukraine in jedem einzelnen Sektor ergäben, wenn wir der Eurasischen Zollunion beiträten. Das Komitee für Fragen der Wirtschaftszusammenarbeit zwischen Ukraine und Rußland hat Input-Output-Berechnungen mit 2008 als Ausgangsjahr angestellt, um die direkten und indirekten Auswirkungen einer solchen Zusammenarbeit zu bewerten. Bei allen Berechnungen würden die Industrieproduktion und das BIP ansteigen. Insbesondere würde der Maschinenbau zulegen, der stets der Kernbereich des ukrainischen BIP gewesen ist. Früher kamen 31% des BIP vom industriellen Maschinenbau. Wenn wir uns Rußland und den anderen anschließen, bedeutete dies einen Auftragsanstieg für unsere Industrie.

2011 fand eine Konferenz über die ukrainischen Aussichten einer eurasischen Integration statt, auf der auch Sergej Glasjew, damals Sekretär der Zollunion, gesprochen hat. Er sagte, die Bestrebungen der Ukraine, der EU beizutreten, würden das BIP-Wachstum schwer beeinträchtigen und die Wirtschaftsstruktur schädigen, während die Ukraine zu einem Pool von Billigarbeit verkäme und seine wirtschaftliche Souveränität einbüßte. Wenn die Ukraine jedoch dem eurasischen Wirtschaftsraum beiträte, so Glasjew, wäre dies makroökonomisch vorteilhaft und würde das BIP in den nächsten 10 Jahren um 200 Mrd.$ ansteigen lassen und die ukrainische Wirtschaft wettbewerbsfähiger machen. Glasjew sagte: „Ein Beitritt zur Zollunion verletzt die Souveränität ihrer Mitgliedsländer kein bißchen.“

Ich möchte hervorheben, daß ein Beitritt der Ukraine zur Zollunion und später der Eurasischen Union dem Land Zugang zu umfangreichen Investitionsressourcen zur Schaffung großer Infrastrukturprojekte eröffnete. Uns steht kein anderer Weg offen. Die Ukraine in die von Rußland und anderen postsowjetischen Ländern geschaffene Eurasische Union zu integrieren, ist die einzige Möglichkeit für die Ukraine, ihre Eigenstaatlichkeit zu bewahren, die Volkswirtschaft auf ein neues qualitatives Niveau zu heben, den zivilisatorischen Weg unseres Volkes zu erhalten und das Land vor Destabilisierung, einem faschistischen Umsturz und einem Bürgerkrieg zu bewahren.

In der Diskussionsrunde gestern kam das Thema Liebe auf – was man unter Liebe für seine Familie, für sein Land und für die gesamte Erde versteht. Aggression ist bösartig, Hunger ist bösartig, Dollarpyramiden, Finanzspekulation und die Diktatur des Britischen Empire sind bösartig! Wir müssen uns mit Hilfe der Liebe gegen das Böse verteidigen. Deswegen wünsche ich uns allen Erfolg bei dieser edlen Aufgabe, die Liebe zu bewahren. Mögen Lyndon und Helga LaRouche noch viele Jahre haben, um mit Liebe für die Menschheit für diese Lösungen zu arbeiten.