• en
  • de
  • fr

Rainer Sandau: Auf dem Weg zu einer neuen Ära der Internationalen Kooperation im Weltraum

Rainer Sandau

Technischer Direktor für Satelliten und Weltraumanwendungen der Internationalen Akademie der Astronautik (IAA)


 

Audio (mp3):

 

herunterladen


Auf dem Weg zu einer neuen Ära der Internationalen Kooperation im Weltraum

Zunächst möchte ich Frau Helga Zepp-LaRouche danken, die mich eingeladen hat, hier über ein Thema zu sprechen, das mit sehr am Herzen liegt, über das Sie aber wahrscheinlich nicht sehr viel wissen. Und Sie werden am Ende meines Vortrags sehen, daß es einige gute Verbindungen zu dem Gesamtthema der Konferenz gibt. Mein Vortrag wurde zusammen mit Jean-Michel Contant erarbeitet, den Sie in einigen Bildern sehen werden.

Zuerst möchte ich etwas über uns sagen und was wir tun, und dann geht es um Veränderungen, um noch besser zu werden. Die Internationale Akademie der Astronautik (IAA) wurde 1960 von Theodore von Karman gegründet. Er ist Ihnen wahrscheinlich als einer der Weltraumpioniere bekannt, die das GALCIT-Projekt, das heutige JPL,1 aufgebaut haben. Wir sind ein von der UNO 1996 anerkannter internationaler Zusammenschluß von 1200 aktiven, führenden Experten (insgesamt 1700 aus 89 Nationen). Die Mitgliedschaft unterliegt einem harten Wettbewerb, so daß ein Beitritt nicht so einfach ist.

Die Ziele der IAA sind:

– Förderung der Entwicklung der Astronautik für friedliche Zwecke.

– Anerkennung einzelner Persönlichkeiten, die sich um die Weltraumforschung oder -technologie verdient gemacht haben.

– Bereitstellung eines Programms, durch das Mitglieder Beiträge zu internationalen Unternehmungen leisten können.

– Förderung der internationalen Zusammenarbeit zur Förderung der Luft- und Raumfahrt.

Ich möchte den Umstand hervorheben, daß wir eine Vereinigung von Individuen sind. Man kann bei uns seine Träume leben und an Themen arbeiten, die vielleicht nicht im Interesse der Einrichtungen in der Industrie o.ä. sind, aus denen man kommt; bei uns hat jeder die Freiheit, als Individuum zu arbeiten.

Die Führung der IAA besteht aus einem hochrangigen Kuratorium; zum Beispiel sind elf Leiter oder frühere Leiter von Raumfahrtagenturen an dem Kuratorium beteiligt. Es gibt sechs Kommissionen, die sämtliche Aspekte der Raumfahrtaktivitäten abdecken, wie die Grundlagenforschung, Ingenieurswissenschaften, Lebenswissenschaften, Sozialwissenschaften. Und wir bieten die fehlenden Foren, in denen die besten Experten aus allen Bereichen zusammenkommen, sich kennenlernen und ihre Ansichten austauschen können. Und das trifft tatsächlich zu, das kann ich Ihnen versichern.

Wir haben regionale Sekretariate, eines auch in Syrien. Der regionale Sekretär in Syrien ist Dr. Hussein Ibrahim, der ehemalige Generaldirektor der General Organisation of Remote Sensing. Es ist nicht sehr bekannt, aber Syrien hatte einen Kosmonauten im Weltraum und betrieb auch ein gutes Weltraumprogramm, aber heute gibt es dabei natürlich Probleme. Er ist übrigens ein guter Freund von mir, aber er konnte wegen Visaproblemen in den letzten Jahren nicht nach Deutschland kommen. Er gehört offensichtlich nicht zu dem Kreis von Leuten, die Frau Merkel nach Deutschland eingeladen hat, denn ihm wurde stets ein Visum verweigert.

Frau Shaaban hat die interessanten historischen Stätten in Syrien erwähnt, und dabei kam mir wieder in den Sinn, daß ich bei meinem ersten Syrienbesuch zu diesen Stätten gebracht wurde, und ich war von der Geschichte und Architektur begeistert. Damals, vor 15 Jahren machte, ich den Vorschlag, mit Hilfe von Techniken der Fernerkundung und der Informationstechnologie diese Stätte auch außerhalb Syriens auf angepaßte und interaktive Weise bekannt zu machen. Wie Sie sehen, habe ich gute Beziehungen auch nach Syrien.

Mitglieder und Aktivitäten der IAA

Ich möchte Ihnen einen Einblick über unsere Mitglieder geben, und ich habe einige Bilder ausgewählt. Hier sind die ersten:

Der erste Mensch im Weltraum, Juri Gagarin, ist Mitglied unserer Akademie.

Die erste Frau im Weltraum, Valentina Tereschkowa.

Alexej Leonow, der den ersten Weltraumspaziergang machte.

Dann die IAA-Mitglieder William Pickering, James van Allen und Wernher von Braun mit dem ersten US-Satelliten Explorer I.

Der erste Mensch auf dem Mond war Neil Armstrong, hier zusammen mit Buzz Aldrin. Das war vor fast 50 Jahren! Man stelle sich das vor! Vor 50 Jahren sind wir zum Mond geflogen, und der ist nach wie vor Gegenstand unserer Träume.

Den längsten Aufenthalt im All von eineinhalb Jahren stellte Waleri Poljakow auf.

Und im Zusammenhang mit der Seidenstraße natürlich Yang Liwei, der erste chinesische Astronaut bzw. Taikonaut, wie man sie dort nennt.

Wir beschäftigen uns mit Studien und Konferenzen: Jedes Jahr finden etwa 18-20 eigenständige Konferenzen statt, so in Beijing, Moskau, Fukuoka und auch in Berlin.

Mitglieder der IAA:

sandau1

Juri Gagarin

sandau2

Valentina Tereschkowa

sandau3

Alexej Leonow

sandau4

William Pickering, James van Allen und Wernher von Braun

sandau5

Neil Armstrong

sandau6

Buzz Aldrin

sandau7

Waleri Poljakow

sandau8

Yang Liwei

 

Wir geben 42 Veröffentlichungen über verschiedene raumfahrtrelevante Themen heraus. Als Verlag sind wir seit 2012 tätig mit einer Buchreihe über kleine Satelliten, Raumfahrtprogramme, Technologien und Anwendungen von Fernerkundungssystemen für die Erde, sowie Berichte über IAA-Konferenzen.

Wir haben auch ein frei zugängliches Online-Wörterbuch für die Raumfahrt entwickelt. Die letzten beiden Sprachen, die hinzugekommen sind, sind Gälisch und Afrikaans, immer im Zusammenhang mit Englisch, Französisch und Deutsch.

sandau9

IAA-Konferenz in Beijing

 

„Gipfeltreffen“ der Weltraumagenturen

Zu unserem 50jährigen Bestehen beschlossen wir, der Öffentlichkeit etwas anderes bzw. etwas mehr als nur akademische Aktivitäten, sondern das umfassende moralische Ergebnis unserer Aktivitäten  zu präsentieren. Wir beschlossen, ein Gipfeltreffen aller Vorsitzenden von Raumfahrtagenturen einzuberufen, um über die Möglichkeit der Zusammenarbeit auf vier Bereichen zu diskutieren: Bemannte Raumfahrt, Planetenerforschung mit Robotern, Klimawandel und grüne Systeme sowie Katastrophenmanagement und Naturgefahren.

Der Hintergrund für diese Themen und Initiativen war, daß viele heutige Kooperationen in die Jahre gekommen sind; so wurde die ISS vor 20 Jahren in Betrieb genommen, damals mit nur acht beteiligten Ländern. Und damals gab es nur die Hälfte der heutigen Raumfahrtagenturen. Mehr als die Hälfte existierte noch gar nicht.

Rußland und die USA haben nicht mehr den alleinigen Zugang zum Weltraum, und etwas Kooperation mit den neuen Raumfahrtnationen hat sich entwickelt, aber bei weitem nicht genug. Auf dem Gipfeltreffen ging es somit um die Frage, wie sich neue Bestrebungen und Herausforderungen mit bestehenden Programmen, Budgets und nationalen Interessen und Bedürfnissen in Einklang bringen lassen, denn diese sind bei großen Ländern und aufstrebenden Ländern sehr unterschiedlich. Wie klappt die Zusammenarbeit unter vielen Partnern? Wie baut man Vertrauen, Zuversicht und Transparenz auf? Wie teilt man die besten Praktiken? Und wie stellt man die sichere und verantwortungsvolle Nutzung des Weltraums sicher?

 

Die Akademie versteht sich somit als eine Art Katalysator. Wir sind keine Exekutive, wir bringen lediglich die Menschen zusammen und bemühen uns darum, daß sie zusammenarbeiten. Dabei versuchen wir, an konkreten Projekten, Studien und Pilotprojekten zu arbeiten, und zwar in den vier oben erwähnten Bereichen, um so die Raumfahrtkooperation für die nächsten Generationen vorzubereiten. Wir befinden uns in einem kulturellen Wandel. Die Situation, vor der wir stehen, ist in uns angelegt, und wir können nicht über unseren Schatten springen, aber wir müssen die Zukunft vorbereiten.

Im November 2010 fand dann in Washington das historische Treffen mit 30 Vorsitzenden von Raumfahrtagenturen statt, und man sieht, wie sie alle nebeneinander sitzen und ihre Zustimmung zu der großen Idee der Zusammenarbeit geben.

sandau10

Historisches Treffen von 30 Vorsitzenden von Raumfahrtagenturen im November 2010 in Washington.

Einen Einblick in den Geist dieser Konferenz gibt dieses Bild, das zeigt, wie der Vietnamese Pham Anh Tuan mit Charlie Bolden [dem NASA-Administrator, Mitte] – dem „big guy“ – die Hände schüttelt. Das war vorher nicht möglich, und ich hoffe, dies ist ein gutes Omen für die Zukunft.

 

Ziel des Gipfeltreffens war, auf höchster Ebene einen breiten Konsens für die internationale Zusammenarbeit zu erreichen und neue, konkrete Initiativen zur Zusammenarbeit in den vier erwähnten Bereichen anzustoßen. In IAA-Studien waren diese vier Bereiche bereits vorbereitet worden, so zum Beispiel in der Studie Raumfahrt-Anwendung beim Klimawandel und grünen Systemen: Die Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit. Das trifft auch auf die anderen drei Bereiche zu, so Zukünftige Planeten-Roboterforschung, Zukünftige bemannte Raumfahrt und Katastrophenmanagement im Weltraum.

Das sind breite Themen. Sie müssen heruntergebrochen werden zu Aufgaben, mit denen beide Seiten – die „big guys“ und die „smaller guys“ – etwas anfangen können. Man muß sich wirklich aufgabenrelevante Dinge ausdenken in einer Form, mit der man arbeiten kann. Diese Priorisierung erfolgte 2011, und es wurden eine Steuerungsgruppe und Koordinationsgruppen für alle vier verschiedenen Themenbereiche eingesetzt. Jetzt befinden wir uns in der Phase konkreter Aktionen, wobei wir uns in der Diskussion mit über 40 Raumfahrtagenturen befinden.

sandau11

Der Vietnamese Pham Anh Tuan mit NASA-Administrator Charlie Bolden und Rainer Sandau (v.l.n.r.).

2012 gab es bereits eine Reihe von Nachfolgekonferenzen, zum Beispiel in Kiew, Mysore und Neapel. In Neapel kamen beispielsweise 14 Vorsitzende von Raumfahrtagenturen zusammen, um über spezifische Einzelfragen zu sprechen.

Jüngste Meilensteine bezogen sich auf speziellere Fragen. Es gibt vier Hauptbereiche, und diese beziehen sich auf unterschiedliche Raumfahrtagenturen. Das heißt, die Entwicklungsländer haben derzeit nicht so viel mit Robotermissionen und bemannter Raumfahrt zu tun. Für sie sind aber Klimawandel und Katastrophenmanagement ein Thema. Der erste Meilenstein war somit ein Treffen über Roboterforschung und bemannte Raumfahrt – erneut in Washington. Auf dieser Veranstaltung hatte ich die Gelegenheit und Freude, erstmals mit Frau Zepp-LaRouche persönlich zusammenzutreffen.

Alle diese 14 Vorsitzenden von Raumfahrtagenturen kamen hier zusammen und sprachen – zumindest – miteinander. Die Zusammenarbeit befindet sich noch in den Anfängen, aber es braucht einfach etwas Zeit, um das wirklich stattfinden zu lassen, denn jeder hat sein eigenes Budget, seine eigenen Ideen und seine eigenen Schwerpunkte. All das muß zusammengebracht und synchronisiert werden. Das braucht Zeit, aber es ist im Gang.

 

Der zweite Meilenstein für die zwei übrigen Bereiche – Klimawandel und Katastrophenmanagement – fand im September in Mexiko City statt; 40  Vorsitzende von Raumfahrtagenturen diskutierten dort miteinander und brachen den Prozeß auf die Arbeitsebene herunter.

Abschließend sei gesagt: Die IAA ist ein besonderes Elitegremium und versteht sich als Katalysator für eine Zusammenarbeit auf neuer Ebene: „Gemeinsam in den Weltraum, um alle auf der Erde zu bereichern.“ Das Ziel ist, politische Entscheidungsträger dazu zu bringen, sich die Zusammenarbeit im Weltraum für die nächsten Generationen vorzustellen, neue Berichte zu erstellen und herauszugeben und konkrete Vorschläge zu machen, die auf nachfolgenden Gipfeltreffen angegangen werden können.

sandau12

Treffen der Vorsitzenden von Raumfahrtagenturen zum Klimawandel und Katastrophenmanagement am 18. September 2015 in Mexiko-City.

Ich bin davon überzeugt, daß dieses Anliegen sehr gut in die Thematik dieser Konferenz paßt, und ich hoffe, ich konnte Ihnen Einblicke in den Raumfahrtbereich geben, der ja für die meisten Menschen auf der Erde noch eher fremdartig ist. Er ist aber gar nicht fremdartig, da unser tägliches Leben bereits unmittelbar mit dem Weltraum verbunden ist, aber viele wissen gar nicht, was geschieht und welchen Nutzen wir aus dem Weltraum ziehen. Ich hoffe, ich konnte Ihnen wenigstens die Idee einer friedlichen Zusammenarbeit vermitteln und einen positiven Aspekt in die Diskussion bringen, nachdem wir jetzt nicht so gute Ergebnisse aus Syrien und anderen Ländern gehört haben.

Vielen Dank.

 


Anmerkung

  1. GALCIT: Das Guggenheim Aeronautical Laboratory des California Institute of Technology; JPL: Jet Propulsion Laboratory.